Nach der Schneeschmelze
Aus dem Atelier
Wie der Frühling neue Impulse in meine Arbeit bringt
1. Bewegung
Der Wasserfall führt nur Wasser, wenn es stark geregnet hat.
Oder wenn im Frühjahr der Schnee auf der Alb schmilzt.
Die meiste Zeit ist er still.
Doch wenn genug Bewegung entstanden ist, beginnt der Hang zu arbeiten. Erde löst sich. Geröll rutscht. Und aus einer Höhle weiter oben werden Fossilien freigespült.
An solchen Tagen steige ich hinauf.
Der Boden ist unterspült. Rutschig. Jeder Schritt braucht Aufmerksamkeit.
Ich kenne den Weg und doch ist er jedes Mal anders. Ich stütze mich auf Felsen, auf das, was gewachsen und tragfähig ist.
2. Fundament
Zwischen Schlamm und Steinen taucht plötzlich etwas auf:
ein kleines Fossil. Millionen Jahre alt. Freigelegt durch Bewegung.
Dieser Moment beschäftigt mich.
Neues entsteht nicht im Stillstand.
Aber es entsteht auch nicht ohne Fundament.
3. Reduktion
Im Atelier arbeite ich derzeit mit Tusche – reduziert, fast streng. Eine neue Herausforderung für mich. Weniger Material. Mehr Linie. Mehr Entscheidung.
Aus dem Fund am Wasserfall entsteht ein Bild:
Ein Baum in klarer, japanisch inspirierter Reduktion.
Treppenstufen, die einen Hang hinaufführen.
Ein Holztor als Schwelle.
Am oberen Ende eine kleine rote Figur.
Kein großes Drama. Nur ein Mensch, der geht.
Der Baum trägt zarte, hellrote Blüten.
Eine Spur verdünnter Tusche zieht sich über die Fläche, wie Bewegung, wie Erinnerung.
4. Aufbruch
Der Aufstieg ist sichtbar.
Aber er beginnt unten.
Das Fossil, das ich gefunden habe, liegt währenddessen auf meinem Arbeitstisch. Es erinnert mich daran, dass jeder neue Schritt auf etwas aufbaut, das längst da war.
Aufbruch bedeutet für mich nicht, alles hinter mir zu lassen.
Sondern bewusst weiterzugehen, gestützt auf Erfahrung.
„Vielleicht ist es Frühling.
Vielleicht ist es einfach Zeit.“